KOLUMNE „BASELINE“: Jazzstadt Zürich live

Hans Peter Künzle

3 Mai 2021

Zürich wurde früh vom Jazzfieber erfasst – oder von dem, was Tanzorchester und Publikum damals unter Jazz verstanden. Heute zeigt sich Zürich mehr denn je als aufregende, attraktive und angesehene europäische Jazzstadt. Diverse Jazzclubs und Jazzfestivals mit internationaler Ausstrahlung locken ein interessiertes und neugieriges Publikum an die Limmat.

Am 30. November 1934 spielte der bekannte Louis Armstrong mit seiner Band vor 1’400 Zuhörern in der Tonhalle. Seit damals war der Jazz in Zürich immer präsent. In den Anfängen spielten Jazzgrössen wie Sidney Bechet, Coleman Hawkins, Count Basie, Duke Ellington, Lionel Hampton, Ella Fitzgerald und andere regelmässig in der Stadt. Es ist klar, dass diese Präsenz des amerikanischen Jazz einen grossen Einfluss auf junge Musikerinnen und Musiker in der Schweiz hatte. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging es dann mit der Zürcher Jazzszene richtig los. Es formierten sich zahlreiche einheimische Amateurbands, und es gab erste Profi-Jazzmusiker. Jazzkeller und Jazzclubs wie der Trester-Club und später der Basin-Street-Club öffneten ihre Pforten. Im Café Wellenberg waren regelmässig Live-Konzerte zu hören.

Legendärer „Africana“

Noch heute schwärmen ältere Jazzmusiker und Hörer vom legendären „Africana“, dem Jazzclub in Zürich der sechziger Jahre und eigentlicher Vorläufer des heutigen Moods. Zusammen mit dem Zürcher Amateur-Jazzfestival, das von 1951 bis 1973 alljährlich im Kino Urban (später im Kino Corso) ausgetragen wurde, hat das Africana die Schweizer und die Zürcher Jazzszene richtig in Gang gebracht. Seither hat sich in Sachen Jazz in Zürich viel getan. Meist auf Musikerinitiative gab es immer wieder mehr oder weniger erfolgreiche Versuche, Lokale mit regelmässigen Jazzkonzerten zu etablieren. Dies gelang nach dem Africana besonders gut mit dem Bazillus und später dann mit dem Moods, das seit Langem zu den führenden Jazzclubs Europas gehört.

Jazzclubs

Im Januar 2020, also kurz vor dem alles verändernden Lockdown, fanden allein im Jazzclub Moods an 30 Tagen Jazzkonzerte statt, mehr als zwei Drittel der Konzerte bestritten Schweizer Bands oder fanden mit Beteiligung von Schweizer Musikerinnen und Musikern statt. Gleichzeitig im Januar spielten im «Mehrspur», dem Musikclub der Jazz- und Popabteilung der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK), an 17 Abenden 35 Bands von Studierenden, Dozierenden und Alumni. Mindestens 15 weitere Lokale in der Stadt Zürich veranstalteten im Januar 2020 Jazzkonzerte. Schaut man über den Stadtrand hinaus, gibt es zusätzlich eine beachtliche Anzahl Jazzveranstaltungen in der Region – zum Beispiel in Winterthur, Uster, Dübendorf, Thalwil, Bülach, um nur einige Orte zu nennen.

Jazzfestivals

Was 1951 mit dem jährlich stattfindenden Amateur-Jazzfestival Zürich begann, entwickelte sich mit kleinen Unterbrüchen zum Internationalen Jazzfestival. 1996 wurde von Pius Knüsel, dem damaligen Leiter des Jazzclubs Moods, unter Mithilfe von privaten Sponsoren das Jazznojazz-Festival gegründet, ein Festival, das bis heute unter der Leitung von Johannes Vogel zur Erfolgsgeschichte wurde. Jenseits des Mainstreams haben sich das Taktlos- und das Unerhört-Festival als musikalischer Gegenpool etabliert, ebenso das von Zürcher Musikstudierenden ins Leben gerufene experimentelle Gamut-Festival. Diese Festivals ziehen auch ein jüngeres Publikum an und tragen dazu bei, dass sich die Festival-Szene in Zürich erfreulich dicht und lebendig präsentiert.

Leider liegen alle diese Aktivitäten infolge der Corona-Pandemie brach. Wir musikbesessenen Spieler und Hörer hoffen natürlich, dass Zürich bald wieder zur Jazzstadt mit Livemusik wird.

Hans Peter Künzle ist ein Schweizer Jazzmusiker (E-Bass, Kontrabass), der den Jazzstudiengang an der Zürcher Hochschule der Künste leitete. 2016 hat er die Leitung des Swissjazzorama-Archivs in Uster übernommen.

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